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Leerverkäufe, Finanzkrise und unser Wirtschaftssystem


By vurai - Posted on 09 November 2008

Von Leerverkäufen haben Beobachter des Finanzlebens selten etwas gehört. Kein Wunder, ist doch die Bezeichnung selbst von einer gewissen inneren Widersprüchlichkeit geprägt, die geradezu ans Metaphysische grenzt.

Wer verkauft Leere? Wo bekommt er die her? Und wer kauft im Gegenzug Leere?
Immerhin scheinen Leerverkäufe soviel Inhalt zu haben, dass sie im Herbst 2008, im Zuge der sich rapide verschärfenden Finanzkrise, für bestimmte Aktien verboten wurden. Kritiker monierten sofort einen Eingriff in das Eigentumsrecht.
Leerverkäufe werden für den unerwartet schnellen Zusammenbruch der Lehman-Brothers-Bank verantwortlich gemacht. Auch als Ende Oktober die VW-Aktien zu absoluten Mondpreisen gehandelt wurden, gehörten Leerverkäufer zu den üblichen Verdächtigen.
Leerverkäufe werden auch gerne als "Wetten auf sinkende Aktienkurse" bezeichnet.

Etwas vereinfachend ausgedrückt: Der Verkäufer leiht sich Aktien von einer Bank, unter der Voraussetzung, sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zum dann aktuellen Preis zurückzugeben. Wieder etwas vereinfachend: Man verkauft die Aktie, wenn sie 1.000 Euro wert ist, beobachtet freudestrahlend, wie der Kurs auf 50 Euro fällt, kauft die Aktie dann zum festgelegten Zeitpunkt für 50 Euro zurück, um sie der Bank wiederzugeben und streicht nach Abzug aller Gebühren noch einen riesigen Gewinn ein.
Kein Wunder also, dass Leerverkäufe gerne als Ausdruck entfesselten kapitalistischen Gewinnstrebens gebrandmarkt werden.
Dennoch werden sie als wichtiges Marktinstrument bezeichnet, weil sie ein Indikator für Fehler in der Bewertung von Wertpapieren seien.

Man könnte solche Spekulationsgeschäfte als letzte Ausläufer ursprünglichen Unternehmungsgeistes unerschrockener Händler interpretieren.
Mit in den Rocksaum eingenähten Edelsteinen als Zahlungsmittel in Richtung Seidenstraße zu ziehen, bedeutete nicht nur, die wirtschaftliche Existenz, sondern das Leben zu riskieren.
Ein wesentlicher Unterschied ist allerdings zu konstatieren: Heute geht es nicht um Waren, um Investitionen in Werte und Produktionsstätten, sondern um Ausnutzung des ungebundenen, weltweit einsetzbaren, frei um den Globus fließenden Kapitals zur Erzielung spekulativer Gewinne. Der Unternehmer wird durch den Spekulanten verdrängt.
Womit wir wieder bei den Leerverkäufen wären.
Deren "Leere" erscheint als passende Metapher der gegenwärtigen Finanzkrise - waren doch auch die berüchtigten Kreditpakete im Endeffekt nichts als professionell verpackte Leere, nichts als der Inhalt von Spekulationsseifenblasen.
Eine Leere, die auf Hohlheit hindeutet - einen Mangel an ethischer Reife, intellektueller Reflexion, sozialem Rückhalt und gesellschaftlicher Verantwortung.

Ein Hohlraum, der als Schallverstärker steigender Renditeversprechungen und finanzieller Erfolgsmeldungen diente, bis er sich schließlich als entscheidende Schwachstelle erwies.
Wie schön, dass westliche Gesellschaften lernfähig sind. Sie werden in den nächsten Jahren - zwangsläufig - ihre Lehren aus der Leere ziehen und die Strukturen des Systems verbessern.

Weitere Informationen gibt es hier:

Video Dr. Senf über Geldsystem und Weltfinanzkrise

 

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